14. Oktober 2017 - Pascal Szewczyk

Warum ich Whatsapp endlich gelöscht habe

Seit ein paar Wochen erkläre ich meinen Kontakten, dass ich Whatsapp nicht mehr benutzen möchte und in ein paar Tagen löschen werde. Dieser Tag war heute. Ich stieß auf wenig Verständnis. Daher möchte ich ausführen, warum ich mich dazu entschieden habe.

whatsapp

Als 2014 Whatsapp von Facebook gekauft wurde, war für mich schnell klar, dass ich den Dienst nicht mehr benutzen möchte. Das hat leider aus mehreren Gründen damals noch nicht geklappt.

Mein Engagement bei web04.de und blauer.salon machten es notwendig, dass ich mich mit den Leuten austauschen kann. Whatsapp ist der beliebteste Messenger weltweit. Kolportiert werden 100 neue Anmeldungen bei Whatsapp in jeder Sekunde. Das machte es lange schwierig.

Whatsapp funktioniert so, dass alle deine ganzen Kontakte zunächst einmal auf einen amerikanischen Server transportiert werden. Das heißt also, Facebook weiß, mit wem du in irgendeiner Form verdrahtet bist. In meinem Fall war es ganz schön gruselig, weil in Whatsapp auf einmal Kontakte auftauchen. auf die ich schon jahrelang keine Lust mehr hatte, die aber noch irgendwie in meinem Telefon gespeichert waren.

Viele meiner Freunde entgegneten mir, dass Whatsapp doch jetzt auch verschlüsselt sei.

Facebook weiß aber durch Whatsapp, wann ich mit wem schreibe. Vielleicht wissen sie ad-hoc nicht was ich schreibe aber das ist nicht mein Punkt. Mein Punkt ist, dass Whatsapp weiß, wann ich mit wem schreibe. Zusammen mit dem wissen, wie oft ich bei Facebook bin ist das schon ein ziemlicher Topf von Daten über mich, die ich am liebsten nirgendwo gespeichert haben möchte.

Um es konkret zu machen: Stell dir vor, du lernst auf einer Online-Dating-Plattform ein paar Leute kennen, ihr tauscht die Nummern aus und beginnt, wie wild zu whatsappen. Ein paar Tage intensiv. Euer Metadaten-Nutzerprofil weißt also nach kurzer Zeit folgendes Profil auf:

  • Neuer Telefonnummern Austausch
  • sehr schnelles, sehr intensive Gespräche mit mehreren neuen Kontakten
  • Über den Tag verteilt regelmäßige Nachrichten in beide Richtungen

Über Facebook hast du nicht nur angeben, dass du verheiratet bist, sondern auch mit wem.

Aus dem Profil geht ziemlich einfach hervor, dass du gerade eine Affäre suchst. Ohne auch nur einen Inhalt der Nachricht je gesehen zu haben. Tatsächlich gibt Facebook sogar damit an, entstehende Beziehungen zu erkennen - und das weit bevor es die jeweiligen Partner zugeben würden.

Konsequenterweise müsste ich auch mein Facebook-Account löschen. Das tue ich leider nicht, weil ich die schnelle Kontaktaufnahme zu möglichen Gästen für meinen Podcast definitiv nicht aufgeben möchte. Allerdings benutze ich schon seit einer Weile nicht die offiziellen Facebook-Apps sondern logge mich mit dem Handy auf der Website ein. Das hat den Vorteil, dass die Webseite im Gegensatz zur App deutlich weniger Berechtigungen in meinem Handy besitzt und nicht auf neue Kontakte zugreifen kann.

"Aber ich hab doch nichts zu verschleiern"

Zu viele Leute argumentieren, dass sie nichts zu verschleiern haben. Ich entgegne ihnen dann immer, warum sie dann noch eine Hose tragen. Sie könnten doch auch Nackt auf die Straße.

Die Alternativen:

Es gibt dutzende Alternativen, mit den verschiedensten Vor- und Nachteilen. Mein persönlicher Favorit ist Signal, ehemals Textsecure. Die App ist kostenlos in allen Appstores verfügbar und fällt durch sehr einfache Benutzung auf. Es sind keinerlei Spezial-Kenntnisse nötig und man spart sich, ähnlich wie bei Whatsapp das mühsame Suchen und Finden von Kontakten.

Viele meiner Bekannten nutzen Threema als Alternative, weil man dort nicht mal seine Telefonnummer veröffentlichen muss. Der Nachteil besteht dann beim Auffinden und Erreichen von Kontakten.

Anders als bei Whatsapp, erkennen die Entwickler von Signal, dass der Besitz aller Sozialen Daten ("Wer mit Wem, Wann und Wie lange") zwar für die Benutzerfreundlichkeit wichtig ist, aber nicht zum Geschäftsmodell gehören muss. Daher arbeiten sie jetzt an einer Datensparsamen Methode um Kontakte zu finden.

Ein weiterer Vorteil von Signal ist, dass jeglicher Programmiercode öffentlich zugänglich ist und von unabhängigen Experten überprüft werden kann. Wie die App gebaut ist, ist hier kein Geschäftsgeheimnis, sondern öffentliches Wissen.

Mir persönlich ist Signal am liebsten, weil mir die Benutzerführung besser gefällt, außerdem kann man es, wie Whatsapp, vom Rechner aus bedienen. Was ich häufiger mache als vom Telefon. Dies geht mittlerweile auch bei Threema. Da man Threema aber auch ohne Telefonnummer genutzt werden kann, führt das regelmäßig zu User-Expericence-Fails, wenn jemand sein Telefon (und somit die Zugangsdaten) verliert und keinen Backup mehr hat. Das ist immer ein unschöner Moment, da man dann alle Gruppen neu erstellen muss. Signal funktioniert für den Benutzer im Grunde wie Whatsapp. In meinem persönlichen Tradeoff ist daher Signal der Sieger und auch Edward Snowden empfiehlt Signal, wie ich bei der Recherche dieses Artikels herausgefunden habe.

Am Ende des Tages, kann jeder nur für sich entscheiden, wie "richtig" er es machen möchte, ohne seine Sozialkontakte aufzugeben.

Ich hab mich gegen Whatsapp entschieden und hoffe mit diesem Artikel auf Verständnis zu stoßen. Wir lesen uns bei Signal.

Signal im Apple Appstore

Signal im Google Playstore

Vielen Dank an meinen Freund und IT-Sicherheits-Spezial-Experte Frederik Braun, der beim Verfassen des Artikel geholfen hast.

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